Die Arbeitswelt nach Corona


Die Arbeitswelt nach Corona

Jede Bergbesteigung beginnt mit dem Blick auf den Gipfel

VON TOM CHEESEWRIGHT

LEBENSLAUF: Der Autor Tom Cheesewright ist als angewandter Zukunftsforscher tätig und berät Unternehmen bei der Vorbereitung auf das Unbekannte. Der Titel seines letzten Buchs lautet „Future-Proof Your Business“.

Virginia Satirs Modell der Veränderungsprozesse war wegweisend in der Familientherapie. Vor mehr als 30 Jahren wurde ihre Methode dann kurioserweise für das Änderungsmanagement in Unternehmen übernommen. Das Satir-Modell eignet sich jedoch exakt zur Beschreibung der Phase des Chaos, die auf einen Bruch folgt und einen neuen Status quo einläutet.

In einer neuen Umfrage von ServiceNow werden die Auswirkungen von COVID-19 auf die Arbeitswelt und die Innovationen im Personalwesen untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass wir uns genau an dem Punkt befinden, an dem Unternehmen das Chaos hinter sich lassen – wenn sie den richtigen Weg eingeschlagen haben.

Einige Unternehmen sind auf ihrem Weg bereits ein gutes Stück vorangekommen. Andere müssen die Kurve noch kriegen. Ich glaube aber, dass die meisten von uns schon die nächsten Schritte planen. Würden wir die Routen aller Unternehmen auf einem Diagramm abbilden, würde die grobe Richtung ungefähr stimmen.

In den Ausläufern des Gebirges
Eins der Umfrageergebnisse finde ich besonders interessant: Ungefähr die Hälfte aller Führungskräfte (47 %) und Mitarbeiter (55 %) glauben, dass der Übergang zur „neuen Normalität“ eine noch größere Herausforderung darstellen wird als der erste Schock der COVID-Krise.

Das gibt Grund zur Annahme, dass sich knapp die Hälfte aller Unternehmen noch in der Phase des Chaos befinden. Bei der Bergbesteigung kann es demotivierend sein zu sehen, wie viel des Weges noch vor einem liegt.

Zuversichtlich macht mich jedoch, dass die andere Hälfte der Unternehmen offensichtlich bereits eine Vorstellung davon hat, was auf sie zukommt. Diese Unternehmen haben den Gipfel fest im Blick und planen die beste Route für den Aufstieg. Manche Organisationen sind auf der Wanderung durch die Ausläufer des Gebirges wohl schon ein gutes Stück vorangekommen.

Den Gipfel im Blick
Für den Übergang vom Chaos zur „Integration“ – um es mit einem Begriff von Satir auszudrücken – sind zwei Dinge erforderlich. Zum einen müssen wir den Überblick gewinnen, um zu verstehen, wie der neue Status quo aussehen könnte. Zum anderen benötigen wir Ideen, auf welche Weise wir die Transformation erzielen könnten.

Seit wenigen Wochen verfügen wir über die notwendige Fernsicht, um uns den Weg in die neue Normalität ausmalen zu können. Um bei unserer Bergsteiger-Analogie zu bleiben: Der Nebel hat sich gelüftet, und am Horizont zeichnen sich zum ersten Mal die Gipfelspitzen ab. Zwar herrscht noch immer viel Unsicherheit über die Weiterentwicklung der Pandemie und die besten Maßnahmen zu ihrer Bewältigung, doch hat sich bereits eine gewisse neue Arbeitsroutine eingestellt.

Insbesondere die Arbeit im Homeoffice ist mittlerweile weit verbreitet. Die letzten Zweifel daran, ob Mitarbeiter überhaupt von zu Hause aus arbeiten können, sind ausgeräumt. Doch gleichzeitig sehen wir jetzt deutlicher als zuvor, welche Herausforderungen es zu bewältigen gilt.

Die ersten Widerstände gegen die Arbeit im Homeoffice waren wichtig für Unternehmen, um den richtigen neuen Kurs zu setzen. Es war wichtig, dass manchen Leuten das Pendeln zur Arbeit und die Verkehrsstaus fehlten. Es war wichtig, von jungen Leuten zu hören, die zu Hause vereinsamten und von der Bettkante arbeiteten. Nur so können wird die Auswirkungen der Krise auf die körperliche und geistige Gesundheit verstehen. Es war wichtig, dass sich Mitarbeiter über ständige Zoom-Meetings und Slack-Chats beklagten. Es half uns zu erkennen, welche Kultur- und Prozessprobleme dem zugrunde liegen.

In der Umfrage von ServiceNow gaben 93 % der Führungskräfte und 78 % der Mitarbeiter an, dass sie sich wegen der Arbeit im Homeoffice Sorgen um die Zukunft ihres Unternehmens machten. Wenn wir solche Signale ignorieren, können wir keine Zukunft der Arbeit gestalten, die unseren menschlichen Bedürfnissen gerecht wird.

Die Route planen
Einige Unternehmen haben den schwierigen Aufstieg zu neuen Höhen bereits begonnen. Sie haben verstanden, dass umfassende Veränderungen notwendig sind – schon allein, um die Organisation stark für zukünftige Schocks zu machen. Ich predige schon seit Langem, dass in der heutigen Zeit Anpassungsfähigkeit ein besserer Indikator für nachhaltigen Erfolg ist als Optimierung. So mancher musste diese Lektion bitter lernen.

Auf die Frage, welche der Schlüsselfunktionen im Unternehmen sich am besten anpassen könnten, wenn in den nächsten 30 Tagen eine neue Krise über uns hereinbräche, gaben 57 % der Führungskräfte und 63 % der Mitarbeiter der IT-Abteilung ihr Vertrauen. Die Behelfslösungen, die es Personalwesen, Vertrieb, Marketing und Finanzabteilung ermöglichen, remote zu arbeiten, sind unzuverlässig und unsicher. Diese Systeme müssen nicht bloß optimiert werden, sondern erfordern in den meisten Fällen ein komplett neues Design für hybride Umgebungen.

Wie geht man dabei vor? Viele Unternehmen scheinen die Lösung in der Technologie zu suchen. Ein bedeutender Prozentsatz von 88 % der Organisationen gaben an, dass sie seit der Coronakrise weniger Ausgaben hätten. Die Mehrheit der Führungskräfte (57 %) beabsichtigt, diese Einsparungen in die digitale Transformation zu stecken. Das ergibt Sinn, denn ein ähnlicher Prozentsatz (60 %) gibt an, noch über keine integrierten digitalen Workflows zu verfügen.

Bereits vor der COVID-Krise war es schlechte Praxis, das Jahresbudget in einer jahrzehntealten Excel-Tabelle mit manuellen Verknüpfungen aufzustellen. Es war schon vorher unpraktisch, die Terminplanung im Callcenter auf einer kopierten Papiervorlage zu organisieren. (Beides sind echte Fälle aus meiner aktuellen Beratertätigkeit.) Doch heute werden aus solchen Eigentümlichkeiten gefährliche Schwachstellen. Es gibt noch viel zu tun bei der Automatisierung der Administration und der besseren Vernetzung von Prozessen. Die Unternehmensdaten müssen raus aus abgeschotteten Softwaresilos, damit durchgängige Workflows möglich werden.

Ein Kulturwandel
Die technologischen Veränderungen dürfen jedoch nicht isoliert ablaufen, sondern müssen Ausdruck eines echten Kulturwandels sein. Die Unternehmen, die in der neuen Normalität erfolgreich sein werden, tun mehr, als Lieferkettenprozesse zu digitalisieren. Sie vollziehen einen Konzeptwandel in den Bereichen Führung, Management, Kommunikation und Zusammenarbeit.

Dazu braucht es Vertrauen. Jeder Mitarbeiter muss das richtige Maß an Autonomie und Eigenverantwortung erhalten, um seine Arbeit gut machen zu können. Er muss frei entscheiden können, wo und wann er die Arbeit erledigt. Dafür muss sich unsere Vorstellung von Mitarbeiterleistung ändern. Wir müssen weg von Metriken, die „Eingaben“ messen und uns stattdessen auf die „Ausgaben“ konzentrieren.

Bei den Umstellungen dürfen wir aber auch nicht die menschliche Seite aus dem Blick verlieren. Das Unternehmen muss die Bedürfnisse der Mitarbeiter im Homeoffice berücksichtigen. Ist die Arbeitsumgebung sicher? Ist die Arbeitsweise der physischen und geistigen Gesundheit zuträglich? Wenn die automatische Kontrolle fehlt, die im Gemeinschaftsbüro möglich war, müssen verantwortliche Teamleiter andere Wege finden, um ihr Personal angemessen zu betreuen. Leider gehen derzeit 46 % der Mitarbeiter davon aus, dass diese Unterstützung ausbleiben wird.

Dabei kann Automatisierung den Arbeitsalltag für alle so viel angenehmer machen. Die Mitarbeiter brauchen sich dann nicht mehr über umständliche Verwaltungsaufgaben zu ärgern, die sie nur von ihrer eigentlichen Arbeit abhalten. Doch im ersten Schritt müssen wir die Verfahren für die Arbeit außerhalb des Büros völlig neu erfinden. In einer hybriden Arbeitswelt darf nie vergessen werden, dass nicht alle Mitarbeiter jederzeit persönlich anwesend sein wollen oder können.

Das bedeutet, dass Schulungen, Besprechungen und Gespräche so organisiert werden müssen, dass alle erforderlichen Mitarbeiter einbezogen werden können. Dieser neue Ansatz stellt für viele Unternehmen eine Herausforderung dar, aber wohl besonders für die 50 % der Führungskräfte, die davon ausgehen, dass nach der COVID-Krise alles wieder wie vorher sein wird.

Die nächste Herausforderung
Kultur, Prozesse und Technologie entwickeln sich ständig weiter. Daher müssen wir in unsere Anpassungsfähigkeit investieren. COVID-19 hat viele Unternehmen wie ein Blitz aus heiterem Himmel getroffen. Die Coronakrise wird aber sicherlich nicht der letzte Schock bleiben. Langsam lässt sich erahnen, wie die Arbeitswelt nach der Pandemie aussehen wird. Einerseits verspricht die neue Normalität flexiblere, eigenverantwortliche Arbeitsmethoden. Andererseits stehen wir auch neuen Bedrohungen gegenüber.

Die Mission für Unternehmen ist klar: Wir brauchen mehr Resilienz, Flexibilität und Innovation. Wenn die nächste Krise kommt, wollen wir vorbereitet sein.

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