Interview mit Fred Kindle „Die nächste industrielle Revolution von innen miterleben“


Interview mit Fred Kindle

„Die Arbeitsabläufe, die in den IT-Abteilungen anfallen, kommen zum Beispiel so ähnlich auch in der Wartung von Industrieanlagen vor“, sagt Fred Kindle, ehemaliger Vorstandschef von ABB.

Was bewegt namhafte und erfahrene Manager wie Fred Kindle dazu, beim EMEA Advisory Council eines Unternehmens wie ServiceNow mitzuwirken? Wir sprachen darüber mit dem ehemaligen Vorstandsvorsitzenden von ABB.

Im Mai hat ServiceNow die Gründung eines prominent besetzten EMEA Advisory Council bekannt. Industriekenner dürften den einen oder anderen Namen kennen. Neben dem ehemaligen Bahnchef Rüdiger Grube sind dort Juan Maria Nin Genova, Russell Chambers, Lone Fønss Schrøder und Fred Kindle aktiv. Sie alle besetzen aktuell Aufsichtsratsposten in Unternehmen wie Société Générale, Bain Capital, Volvo, Schneider Electric, Alstom Bombardier und vielen anderen. Wir sprachen mit Fred Kindle, dem ehemaligen Vorstandsvorsitzenden von ABB und der Schweizer Sulzer AG über seine Mitarbeit im Advisory Council.

Was hat Sie motiviert, Mitglied des EMEA Advisory Council von ServiceNow zu werden?

Die Kombination aus Internet of Things, 5G und Künstlicher Intelligenz stellt eine der wichtigsten Veränderungen in der Geschichte der Industrie dar. Was hier passiert ist massiv und wird unser Leben grundlegend verändern. Im Herzen bin ich immer noch Ingenieur und diese Entwicklung fasziniert mich. Ich habe die Tätigkeit im Advisory Council als Gelegenheit für mich erkannt, bei dieser neuen industriellen Revolution mit dabei zu sein. Ich erlebe sozusagen von innen, nicht als Betrachter von außen, wie sich die Welt verändert. Für jemanden wie mich, der aus der „Old-fashioned“-Industrie kommt, ist das sehr spannend.

Kannten Sie ServiceNow bereits vorher?

Auf den Namen ServiceNow bin ich vor einigen Jahren während einer Strategiesitzung bei einem anderen Unternehmen gestoßen. In der Zwischenzeit hat ServiceNow einen gewaltigen Sprung nach vorn gemacht, ist heute einer der interessantesten Player im Bereich Enterprise Software. Mit der Now Platform hat es ein Produkt aufgebaut, das unglaubliches Potenzial hat.


Wie interpretieren Sie den Erfolg von ServiceNow?

ServiceNow hat eine Plattform geschaffen, die universell einsetzbar ist. So wie ich das verstehe hat man eine Methodik entwickelt, um Arbeitsabläufe systematisch zu automatisieren. Zugleich werden die Workflows effizienter und zuverlässiger.

Die Plattform war ursprünglich für Abläufe innerhalb der IT-Abteilung gedacht, aber bei genauerem Hinsehen gibt es dieselben Problematiken auch in allen anderen Unternehmensbereichen, je mehr die Geschäftsprozesse digitalisiert werden. Deswegen ist die Now Platform universell einsetzbar. Außerdem ist sie so unglaublich flexibel, dass sie auch heute, wo der Markt für Enterprise Software so gut besetzt ist, einen Unterschied machen kann. Nämlich dadurch, dass ihr Einsatz mit relativ geringem Aufwand möglich ist und die Investition sich sehr kurzfristig bezahlt macht. Das macht sie unglaublich attraktiv, und deswegen glaube ich, dass ServiceNow das Potenzial hat, diese enormen Wachstumsraten noch über viele Jahre zu halten.

Fred Kindle

Fred Kindle: „Ich habe die Tätigkeit im EMEA Advisory Council von ServiceNow als Gelegenheit für mich erkannt, bei dieser neuen


Welche Rolle kann die Now Platform in der produzierenden Industrie spielen?

Die Arbeitsabläufe, die in den IT-Abteilungen anfallen, kommen zum Beispiel so ähnlich auch in der Wartung von Industrieanlagen vor. Die meisten dieser Workflows sind repetitiv, man hat dieselben Problematiken beim Kunden A wie beim Kunden B. Viele Abläufe kann man automatisieren, sodass Menschen von Routineaufgaben befreit werden. Diese Entwicklung wird sich in den nächsten Jahren noch verstärken. Langfristig wird menschliche Arbeit nur für Probleme nötig sein, die aus dem üblichen Rahmen fallen, wenn es darum geht, die Ursachen für ein Problem zu verstehen. Der Weg von IT-Department zur Maintenance in der Industrie ist also gar nicht so weit. Dasselbe gilt auch für viele andere Industrien, sei es der Telekommunikationssektor oder das Versicherungswesen.


Welche Argumente wären für die Industrie darüber hinaus wichtig?

Zum Beispiel, dass man keine Switching Costs hat. Die Plattform arbeitet oberhalb der existierenden Infrastruktur, man muss also nichts ersetzen oder umsteigen. Jeder, der mal einen Umstieg von einer Großanwendung auf die andere mitgemacht hat, weiß, was solche Großprojekte bedeuten, nicht nur was die Kosten betrifft, sondern auch bezüglich des damit verbundenen Risikos von Betriebsstörungen und Unterbrechungen. Wenn ich einen Mehrwert erzeugen kann, ohne grundlegend die existierende Infrastruktur zu verändern, ist das ein Riesengewinn.

Ein weiteres Argument ist die Handhabung von Daten. Die Menge an Daten wird noch massiv zunehmen. Das bietet eine Riesenchance, wirft aber auch neue Probleme wie Data Overflow auf – man kann auch zu viele Daten haben. Hinzu kommt, dass viele Daten nicht zu einem gemeinsamen Verarbeitungssystem gehören, sie sind in den verschiedenen Mikrokosmen der jeweiligen Anwendungen angesiedelt. Eine Integration ist sonst meistens mit viel Aufwand und auch Zeitverzug verbunden. Eine großartige Eigenschaft der Plattform ist, diese Daten rasch aus ihren Silos herauszuholen und sie verfügbar zu machen, ohne dass große Programmierarbeiten nötig sind.

Wie wollen Sie selbst Ihre Aufgabe im Advisory Council wahrnehmen?

Ich verstehe meine Aufgabe darin, dem Unternehmen in zwei Bereichen zu helfen. Einerseits muss ServiceNow den Weg aus dem IT-Department herausfinden und seinen Nutzen im Gesamtunternehmen einbringen. Dafür muss man mit einer anderen Schicht von Entscheidern in Kontakt treten – und dafür braucht es eine etwas andere Argumentation über den Nutzen der Plattform. Das bedeutet teilweise auch eine andere Sprache. Ich kann einem CEO oder CFO nicht mit den gleichen sprachlichen Mitteln begegnen wie einem CIO. Ich selbst verstehe diese Sprache viel besser als die Sprache der IT und kann mich hier einbringen.

Die andere Aufgabe besteht darin, einem Unternehmen, das in Kalifornien groß geworden ist und jetzt auch in Europa immer aktiver wird, zu helfen, sich mit großen europäischen Firmen zu verknüpfen. Ich habe natürlich aufgrund meiner bisherigen Karriere Bezug zu verschiedensten Unternehmen in Europa, da kann ich auch unterstützen. Und ich mache das, weil ich das Unternehmen und sein Produkt hochinteressant finde und verknüpfe damit meinen eigenen Namen und meine Reputation. Weil ich eben glaube, dass ServiceNow eine Firma ist, die Qualität anbietet, und die Now Platform eine Lösung ist, die wirklich gewünscht wird.


Gibt es einen Mentalitätsunterschied zwischen USA zu Europa, den es auszugleichen gilt?

Ich würde behaupten, der wird zunehmend kleiner. Europäische Großunternehmen sind alle inzwischen Global Player. Die Geschäftsmodelle, die Denkweise und auch die Sprache sind sehr vergleichbar. Auch wenn Sie das aus der Perspektive der Shareholder betrachten: Es sind oft dieselben Namen wie bei den amerikanischen Konkurrenten. Auch die Sprache im Management ist nahezu dieselbe, von einigen kulturellen Unterschieden abgesehen. Die Frage aus Sicht der Unternehmen ist eher, „warum soll ich dieser relativ kleinen Firma aus Kalifornien überhaupt vertrauen?“. Microsoft kennt jeder, und vielleicht ist es bei ServiceNow in zehn Jahren genauso, aber heute eben noch nicht. Es ist also eher ein Credibility Gap als ein Mentality Gap, den es zu überbrücken gilt.


Dieser Artikel wurde zuerst auf Computerwoche veröffentlicht.

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